Rainer Fischbach


  Mittwoch, 12.Apr.06
  Veranstaltungsraum
  Mittwoch 12. April 2006, 20 Uhr

Buchpräsentation

Rainer Fischbach

Mythos Netz; Kommunikation jenseits von Raum und Zeit

Rainer Fischbach stellt in einem Vortrag die Thesen seines Buches "Mythos Netz" vor, anschliessend gibt es Gelegenheit zur Diskussion.


Mehr als ein Jahrzehnt lang konnte sich seit Beginn der 1990er-Jahre der Eindruck verbreiten, dass Materie keine Rolle mehr spielt. Dem Internet etwa wird praktische Unverwundbarkeit angedichtet. Aber wie jedes Netz ist auch dieses auf eine Infrastruktur angewiesen. Die Erkenntnis, dass Gestalt und Qualität der Infrastrukturen von ganz irdischen, nämlich ökonomischen und politischen Randbedingungen abhängen, dass »Netz« keine Metapher für gerechte Verteilung ist, beginnt sich aber allmählich durchzusetzen …
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  Rainer Fischbach zum Thema seines Buches:

RAINER FISCHBACH: Mythos Netz: Kommunikation jenseits von Raum und Zeit?


Mehr als ein Jahrzehnt lang konnte seit Beginn der 1990er Jahre der Eindruck sich verbreiten, dass Materie keine Rolle mehr spielte: Die Ökonomie schien, sich der Erdenschwere immer mehr entziehend, zunehmend aus Immateriellem - Wissen, Information, Finanzderivaten – zu schöpfen, die Interaktion der daran Beteiligten sich von den Beschränkungen der physischen Präsenz und Fortbewegung sich befreiend in die Allgegenwart des Netzes zu erheben, wie das Internet bald nur noch hieß, das zahlreiche Kommentatoren als unkontrollierbares, ja sogar unzerstörbares, „selbstorganisierendes“ Wesen phantasierten. Dass sich die Teilnehmerstaaten der kürzlich zu Ende gegangenen UN-Konferenz über die globale Informationsgesellschaft genau darüber stritten, wer denn das Netz kontrollieren dürfe, mussten dieselben Kommentatoren dann etwas verunsichert zur Kenntnis nehmen.

Dass das Netz auch nicht mehr verfügbar ist, wenn ein anderes Netz: dass die Stromversorgung zusammenbricht, mussten die Bewohner einer ganzen Region in Deutschland kürzlich feststellen. Und anscheinend hatten die Betreiber der Stromnetze nicht nur in den USA, wo man solches schon länger gewohnt war, sondern auch im sich selber so gerne für vorbildlich haltenden Deutschland schon lange nicht mehr ausreichend in deren Instandhaltung investiert. Natürlich: die Finanzmärkte goutieren es auch viel mehr, wenn man die nicht zu knappen Gebühren, die die Verbraucher dafür zu entrichten glauben, den Gewinnen zuführt.

Außer auf elektrischen Strom und die für dessen Bereitstellung notwendige Infrastruktur ist die Telekommunikation auch auf eigene hochkomplexe Installationen angewiesen: Eine Voraussetzung, von der die Diskussion über das Netz, wie sie im letzten Jahrzehnt geführt wurde, weitgehend zu abstrahieren pflegte. Deren Vorhandensein wurde als nicht weiter zu problematisierende Selbstverständlichkeit unterstellt, dem Internet gar, das angeblich als atomkriegssicheres militärisches Kommandosystem entstanden wäre, praktische Unverwundbarkeit angedichtet. Dass eine marode und technologisch zersplitterte Infrastruktur, die in vielen Landstrichen eher das Bild bestimmt, im Katastrophenfall nutzlos ist, mussten die Bewohner von New Orleans erfahren. Zu der jahrelangen Vernachlässigung von Schutzmaßnahmen, der Unterausstattung der Hilfskräfte und der organisatorischen Inkompetenz oder gar, wenn man manchen Beobachtern glauben möchte: Unwilligkeit der Behörden kamen auch noch unlösbare Kommunikationsprobleme, die aus dem Zusammenbruch bzw. der mangelnden Kohärenz der Infrastruktur für die Telekommunikation resultierten.

Dass Gestalt und Qualität dieser Infrastruktur von ganz irdischen, nämlich ökonomischen und politischen Randbedingungen abhängt, dämmert vielen erst langsam, wie die Debatte um die Privatisierung der Swisscom in der Schweiz gerade zeigt. Erstaunt stellen sie fest, dass die Investoren sich keinesfalls darum reißen, dünn besiedelte Landstriche mit einer zeitgemäßen Infrastruktur auszustatten. Ganz anders als in den prosperierenden Verdichtungsräumen ist dort das Verhältnis des Investitionsaufwands zum erwarteten Gewinn alles andere als attraktiv. Der gleiche Zugang zu den Infrastrukturen und Diensten, die Lebensqualität ausmachen und die Voraussetzung für viele wirtschaftliche Aktivitäten bilden, rückt so in immer weitere Ferne. Im weltweiten Trend nehmen die Gegensätze zwischen städtischen und ländlichen Regionen, doch auch zwischen mehr oder weniger wohlhabenden Stadtvierteln eher zu als ab, während die Metropolen und vor allem die Slums an ihrer Peripherie weiter wachsen. Und auch den Verkehr scheint die zunehmende Telekommunikation eher zu verstärken als zu verdrängen.

Dabei sollte das Internet, sollten die dadurch ermöglichte Wissensgesellschaft und eine immaterielle Ökonomie doch Raum und Zeit überwinden sowie städtische Agglomerationen und Verkehr überflüssig machen. Der größte Teil der sozial- und wirtschaftswissenschaftlichen Theoriebildung und mit ihnen auch der publizistischen Äußerungen sowie der politischen Programmatik zu den Themen der Telekommunikationsnetze und der Wissensökonomie ging, geblendet von scheinbar nahe liegenden Versprechen in die Irre. Worin diese Irrtümer bestehen und weshalb sie Irrtümer bleiben, erläutert Mythos Netz von Rainer Fischbach: Darin wird gezeigt, dass Infrastrukturen der Versorgung, des Verkehrs und der Telekommunikation den Raum nicht aufheben, sondern immer nur neu strukturieren, d. h. neu definieren was nah und was fern ist und dabei den Gegensatz zwischen nah und fern sogar eher vertiefen als ausgleichen, dass vor allem die immer leistungsfähiger werdende Technik mit den Zwängen der Kapitalverwertung, denen die Infrastrukturen fortschreitend unterworfen werden, zusammenwirkt, um diesen Gegensatz noch weiter zu steigern.

Das Buch konfrontiert die Versprechen, die den Mythos Netz ausmachen: das der Aufhebung des Raumes, das eines Universalschlüssels zur Welt, das einer entmaterialisierten Wissensökonomie und das des Verschwindens der Städte und des Verkehrs mit den physikalischen, technischen, wirtschaftlichen und geographischen Fakten einerseits sowie epistemologischen, netz- und systemtheoretischen Einsichten andererseits. Es stellt die Netzbegeisterung in einen geistesgeschichtlichen Kontext und unterzieht die Positionen vieler ihrer prominenten Vertreter wie Kevin Kelly, George Gilder, Manuel Castells, Paul Virilio, Norbert Bolz, Michael Hardt und Antonio Negri einer detaillierten Kritik.

Rotpunktverlag, Zürich 2005
 
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